Hohenheimer Saatgutbibliothek: Samen leihen, Vielfalt bewahren  [26.02.26]

Wie wäre es mit der historischen Stabtomate „Lukullus“, dem fast vergessenen Kopfsalat „Böttners Treib“ oder der Chili „Elefantenrüssel“? Seit Kurzem Angehörige der Uni Hohenheim in der Zentralbibliothek nicht nur Bücher ausleihen, sondern auch freies Saatgut – und dabei ganz nebenbei einen Beitrag zum Erhalt der Sortenvielfalt leisten. Zu verdanken ist die neue Hohenheimer Saatgutbibliothek engagierten Bachelor-Studierenden, der Uni-Bibliothek und dem Fachgebiet Saatgutwissenschaft und -technologie.


Wer im Online-Katalog der Hohenheimer Uni-Bibliothek stöbert, findet dort seit einiger Zeit nicht nur Bücher, sondern beispielsweise auch einen Regenschirm, ein Fahrradschloss oder einen Handy-Ladekabel. 

Getreu dem nachhaltigen Share-&-Care-Gedanken startete im vergangenen Jahr die sogenannte „Bibliothek der Dinge“ – eine gemeinsame Initiative der Uni-Bibliothek und des Green Office für alle Studierenden und Beschäftigten der Uni Hohenheim.

Dieses Angebot soll stetig weiter wachsen. Seit Kurzem gibt es nun sogar eine eigene „Unterabteilung“: die Hohenheimer Saatgutbibliothek. Zur Auswahl stehen aktuell 43 freie Sorten – von Blumen über Gemüse bis hin zu Kräutern.

Das Prinzip ist einfach: Wenn die Aufzucht geglückt ist, bringt man im Herbst ein Tütchen mit frisch geernteten Samen an die Ausleihtheke zurück. Und man kann unbesorgt sein: Mahngebühren bei missglückter Ernte fallen keine an.

Hohenheimer Saatgutbibliothek

Die Saatgutbibliothek steht sowohl Studierenden wie auch Uni-Beschäftigten offen. Pro Saison können zwei Tütchen entliehen werden.


Leidenschaft für Vielfalt


Ausgeheckt hat das Projekt Professor Michael Kruse vom Fachgebiet Saatgutwissenschaft und -technologie, den seine Forschungsleidenschaft auch privat nicht loslässt. In seinem Wohnort Waldenbuch hat er bereits gemeinsam mit der Bürgerstiftung und der Stadtbücherei erfolgreich eine Saatgutbibliothek begründet.

„Wenn ich in alten Sortenlisten aus dem 19. Jahrhundert stöbere, verliere ich oft das Zeitgefühl“, erzählt Kruse. „Denn ich hoffe immer, auf vergessene Schätze zu stoßen.“

Tatsächlich geht es bei Saatgutbibliotheken nicht nur darum, kostenlosen Zugang zu Samen zu ermöglichen. Sie helfen auch dabei, alte Sorten zu bewahren, die sonst allmählich aus Gärten und Feldern verschwinden würden. Denn bei Sorten, für die kein Sortenschutz mehr besteht, ist die Erhaltungszucht nicht garantiert.


Warum alte Sorten verschwunden sind


„Vor hundert Jahren waren deutlich mehr Sorten auf dem Markt erhältlich als heute“, erklärt der Saatgutforscher. „Im Zuge der sogenannten ‚Sortenbereinigung‘ im Dritten Reich verloren viele Varietäten jedoch ihre Zulassung. Betrachtet man etwa die Kataloge von Stangenbohnen-Anbietern, schrumpfte das Angebot während der NS-Zeit von über 140 Sorten allein in einem Katalog auf nur noch etwa 30 für das gesamte Land. Die Folgen davon sind bis heute spürbar.“

Inzwischen gibt es jedoch eine lebendige Gegenbewegung, die Vielfalt wieder in unsere Gärten zurückbringen möchte. Dazu zählen Vereine, die in privaten Dorf- und Bauerngärten gezielt nach alten Raritäten suchen. Saatgutbibliotheken wiederum können helfen, diese Schätze erneut in den Umlauf zu bringen.

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Einfach mal stöbern! Ein alter Bibliothekskasten aus dem Fundus des Instituts hat eine neue Bestimmung gefunden. Bild: Uni Hohenheim


Studierende machen Saatgut für Uni-Mitglieder verfügbar

Im Rahmen eines Wahlmoduls im Bachelorstudiengang Agrarwissenschaften hat Professor Kruse in diesem Semester nun auch Hohenheimer Studierende für diese Mission begeistert. 

In den vergangenen Monaten recherchierten die Studierenden dazu in Datenbanken nach geeigneten Sorten, stellten Saatgutproben zusammen und entwickelten eine Website mit zahlreichen praktischen Tipps rund ums erfolgreiche Gärtnern.

Wichtige Kriterien bei der Auswahl des Saatguts waren dabei:

  • Kein Sortenschutz, das heißt: Die Sorten dürfen frei vermehrt und weitergegeben werden.
  • Samenfestigkeit, also keine Hybridsorten, damit die Nachkommen wieder dieselben Eigenschaften zeigen.

„Den Studierenden war außerdem wichtig, Sorten auszuwählen, die pflegeleicht sind und sich auch für den Balkon der Studi-WG eignen“, fasst Kruse zusammen. „Deshalb sind nicht nur historische Sorten vertreten, sondern auch einige neuere, freie Züchtungen.“

„Gerade alte Tomatensorten schmecken oft deutlich intensiver als das, was aus handelsüblichen Samentütchen im Supermarkt wächst“, schwärmt Professor Kruse. „Wer sich auf das Experiment einlässt, wird nicht nur Teil eines nachhaltigen Kreislaufs, sondern erlebt Gemüse auch in einer ursprünglicheren Form: vielfältig, charakterstark und richtig lecker.“

Die Saatgutbibliothek steht sowohl Studierenden als auch Uni-Beschäftigten offen.

Text: Leonhardmair


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