Green Travel nach Tartu – mit Erasmus+ [06.08.26]
Weniger fliegen: Rund 5.000 Dienstreisen führen Beschäftigte der Uni Hohenheim jedes Jahr ins In- und Ausland. Die Wahl des Verkehrsmittels hat dabei erheblichen Einfluss auf die Treibhausgasbilanz der Universität. In der Reihe „Good Travel Stories“ berichten Uni-Angehörige, wie sie auf Dienstreisen bewusst Emissionen einsparen. Heute: Hannah Seyfang, Leiterin des Green Office. Für eine Erasmus+ Staff Week ist sie mit Zug und Fähre bis nach Tartu in Estland gereist.
Schon gewusst? Marseille, London oder Wien sind von der Uni Hohenheim aus in weniger als 8 Stunden mit dem Zug erreichbar. Eine Karte auf der Dienstreise-Homepage gibt Inspiration, wo sich Emissionen sparen lassen. Dabei unterstützt auch das Travel Decision Tool von FlyingLess. Eine Initiative des Green Office | Green Team "Betrieb & Infrastruktur".
Meine Reiseroute
Für eine Erasmus+ Staff Week bin ich auf dem Landweg nach Tartu in Estland gereist.
Tartu liegt rund 1.500 km Luftlinie von Hohenheim entfernt. Estlands zweitgrößte Stadt mit etwas über 100.000 Einwohner:innen befindet sich im Osten des Landes, nicht weit vom Peipussee entfernt, der 7-mal größer ist als der Bodensee.
Auf dem Hinweg bin ich mit dem Zug über Berlin, Warschau und Vilnius gefahren. Zurück ging es zunächst ins 2,5 Stunden entfernte Tallinn, von dort mit der Fähre nach Stockholm anschließend mit Zug und Bus über Kopenhagen und Hamburg zurück nach Stuttgart.
Insgesamt dauerte die Reise jeweils 2,5 Tage pro Richtung. Ich saß über 40 Stunden in 15 verschiedenen Zügen, dazu kamen 16 Stunden auf der Fähre. Es war eine tolle Erfahrung!
Einfahrt durch die Schären Richtung Stockholm. Bild: Hannah Seyfang
Warum ich gerne mit dem Zug unterwegs bin
Es gibt verschiedene Gründe, warum ich mich gegen das Flugzeug entschieden habe. Und es fängt damit an, dass ich einfach sehr gerne mit dem Zug reise.
So kann ich die tatsächliche Entfernung viel besser erleben als im Flugzeug. Der langsame Wechsel von Landschaften, Klima und Menschen gehört für mich genauso zur Reise wie das Ziel selbst. Auf langen Zugfahrten komme ich auf besondere Weise zur Ruhe, kann meist gut am Laptop arbeiten oder einfach aus dem Fenster schauen – langweilig wird mir dabei nie.
Unterwegs gibt es fast immer etwas zu entdecken. Ich habe beispielsweise schon lange nicht mehr so viele Fasane gesehen wie zwischen Berlin und Warschau. Dazu unzählige Störche und Kraniche. Ein Elch wäre noch nett gewesen … Ganz besonders schätze auch die Begegnungen mit Menschen unterwegs – sie erweitern oft den eigenen Horizont.
Ein besonderer Moment war für mich auch die Fährüberfahrt über die Ostsee. Dick eingemummelt stand ich an Deck, beobachtete erst den Sonnenuntergang und am nächsten Morgen den Sonnenaufgang. In diesem Moment war ich sehr zufrieden, mich für diese Art des Reisens entschieden zu haben.
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Warum ich mich für die lange Reise entschieden habe
Schätzungen zufolge fliegen weltweit nur rund 5 % der Menschen. Diese Zahl finde ich eindrücklich, weil sie zeigt, wie selbstverständlich uns manches erscheint, das global betrachtet ein großes Privileg ist.
Tatsächlich gibt es gute Gründe auf das Fliegen zu verzichten. Die negativen Auswirkungen für Klima und Umwelt sind gut belegt, insbesondere durch die Emission in den höheren Luftschichten (vgl. beispielsweise Umweltbundesamt).
Deshalb finde ich, dass man vor jeder Dienstreise bewusst abwägen sollte, ob ein Flug wirklich notwendig ist. Gerade bei Überseereisen bleibt allerdings häufig nur die Kompensation, denn diese Reisen sind für eine international vernetzte Universität natürlich immens wichtig.
Was viele nicht wissen: Auch die Universität muss für alle Flüge Kompensationszahlungen an den baden-württembergischen Klimafonds leisten. Für einzelne Flüge sind die Beträge überschaubar, in der Summe aber fällt es durchaus ins Gewicht. Das kann man mitbedenken, wenn das Bahnticket (ärgerlicherweise!) teurer ist als das Flugticket.
Unterwegs sein gehört dazu
Die Reise war insgesamt sehr erholsam und das Programm in Tartu inspirierend. Trotzdem muss ich dazusagen: So viele Stunden im Zug und mehrere Reisetage sind auch anstrengend.
Ich reise grundsätzlich lieber mit einem Rucksack statt mit einem Rollkoffer, weil ich im Zweifel auch einmal schnell den Bahnsteig wechseln möchte. Das ist sicher nicht jedermensch Sache. Und obwohl ich schon viel unterwegs war, bin ich oft etwas angespannt, bis ich tatsächlich im Zug sitze und er losfährt. Deshalb kann ich gut verstehen, dass viele Umstiege – vor allem, wenn nicht alles glatt läuft – für manche eine Horrorvorstellung sind. Da ist im Zugverkehr viel Luft nach oben in Sachen Reisekomfort…
Für mich überwiegen trotzdem die Vorteile. Hauptbahnhöfe liegen meist mitten in der Stadt. Bei dieser Reise habe ich es zum Beispiel genossen, einfach mal kurz eine Stunde in der Sonne mitten in Berlin an der Spree zu sitzen, oder auf dem Weg vom Bahnhof zum Fährterminal die Altstadt von Tallinn zu besichtigen.
Green Travel-Bonus mit Erasmus+
Die Erasmus+ Staff Week stand ganz im Zeichen der Nachhaltigkeit. Auf dem Programm standen u.a. biodiversitätsfördernde Maßnahmen auf dem Campus, Nachhaltigkeitskommunikation sowie die Nachhaltigkeitsaktivitäten der Estonian University of Life Sciences (EmÜ), einer Partneruniversität der Euroleague of Life Sciences (ELLS).
Gerade deshalb fühlte es sich für mich richtig an, auf das Flugzeug zu verzichten. Sehr hilfreich waren in diesem Zusammenhang die Förderbedingungen von Erasmus+. Eine sogenannte „grüne Anreise“ (Green Travel) wird mit bis zu 4 zusätzlichen Reisetagen unterstützt.
Diese Zeit muss man sich natürlich auch nehmen können. Ich habe für mich entschieden, die Reiseplanung sowie die Reise selbst komplett in meiner Freizeit zu machen, weil das während der Arbeitszeit nicht möglich gewesen wären. Außerdem hat mir meine Familie 2 Wochenenden lang den Rücken freigehalten. Diesen Luxus hat nicht jede:r.
Ich bin dankbar, dass Erasmus+ diese Form der Mobilität ermöglicht, die Universität sie unterstützt und die Kolleg:innen des Akademischen Auslandsamts die Organisation so engagiert begleiten. Gerade für Mitarbeitende, die nicht regelmäßig international unterwegs sind, sind die ERASMUS+-Angebote eine geniale Sache, den eigenen Horizont zu erweitern.
Auf Estnisch heißt Danke übrigens: Aitäh!
Mit der Seminargruppe unterwegs von der Emü in die Innenstadt. Bild: Hannah Seyfang

