Unsere Profs: Tessa Camenzind erkundet das Leben im Boden [24.03.26]
Ob Pilze, Bakterien oder Tiere: In einem Gramm Boden leben Milliarden von Lebewesen. Doch wir wissen noch erstaunlich wenig über sie, betont Professorin Tessa Camenzind. Sie leitet seit 1.1.2026 das Fachgebiet Bodenbiologie an der Uni Hohenheim. Und sie möchte dazu beitragen, diese „Blackbox“ der Ökologie besser zu verstehen.
Auch ihren Studierenden möchte sie ein Verständnis für das System Boden mit auf den Weg geben, denn das sei auch für die Praxis relevant. Sie empfiehlt ihnen, sich den Themen zu widmen, die einen besonders interessieren. Ein Rat, den sie selbst nicht nur in ihrer Forschung, sondern auch in ihrer Freizeit beherzigt: Dann beobachtet sie die Tiere, die oft sehr weit vom Boden entfernt sind – Vögel.
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Frau Camenzind, wie war denn Ihr Start in Hohenheim?
Sehr gut! Ich bin unglaublich freundlich aufgenommen worden, und dafür bin ich sehr dankbar. Viele Kolleginnen und Kollegen haben sich gemeldet, wollten sich treffen und haben Unterstützung angeboten. Diese offene und hilfsbereite Atmosphäre empfinde ich als etwas ganz Besonderes.
Ihr Fachgebiet ist die Bodenbiologie. Was machen sie anders als Ihre Vorgängerin?
Zuerst einmal muss ich sagen: Meine Vorgängerin Ellen Kandeler hat das Fachgebiet hervorragend geleitet. Ich trete also in große Fußstapfen. Gleichzeitig übernehme ich ein etabliertes und aktives Fachgebiet, und auch im Team gibt es Kontinuität. Deshalb werden sich Veränderungen schrittweise entwickeln.
Eine Sache ist bei mir anders: Ich komme nicht aus der klassischen Bodenkunde, sondern aus der Biologie. Mein Fokus liegt auf der Mikrobiologie und der Physiologie der Mikroorganismen. Dadurch könnte sich der Schwerpunkt künftig stärker in Richtung biologischer und ökologischer Grundlagenforschung im Boden verschieben.
Wie kamen Sie denn zu dem Thema Boden?
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Eigentlich über meine Arbeit in den Tropen, in Ecuador. Dort haben mich die Nährstoff- und Kohlenstoffkreisläufe fasziniert, weil die Böden nährstofflimitiert sind und dadurch ganz besondere Dynamiken entstehen. Ich habe damals vor allem an Wurzeln und sogenannten Mykorrhiza-Pilzen gearbeitet, die in Symbiose mit den Wurzeln leben. Mir wurde dabei immer deutlicher, wie eng Pflanzen und Boden zusammenhängen.
Im Boden gibt es eine enorme Vielfalt und Menge an Mikroorganismen. Doch in dieses System können wir nicht hineinschauen und wissen noch erstaunlich wenig darüber. Deshalb wird der Boden manchmal ähnlich wie die Tiefsee als „Blackbox“ bezeichnet.
Und wie möchten Sie diese Lücke schließen?
Mein Fokus liegt vor allem auf sogenannten saprobischen Pilzen, die im Boden totes organisches Material zersetzen und so zur Nährstoffbereitstellung und Kohlenstoffspeicherung beitragen. Diese Organismen isoliere ich aus dem Boden und untersuche sie im Labor. Ich arbeite also nicht nur mit dem Bodensystem, sondern auch mit einzelnen Organismen, um zu verstehen, wie sie funktionieren.
Außerdem forsche ich zu sogenannte Traits, also Eigenschaften von Arten. Bei Pflanzen lassen sie sich relativ leicht bestimmen, bei Bodenmikroorganismen ist das schwieriger, zumal in einem Gramm Boden eine enorme Vielfalt an Arten lebt. Wir untersuchen, welche Eigenschaften verschiedene Pilzarten haben, welche Funktionen sie erfüllen und wie sie in Gemeinschaften miteinander sowie mit Bakterien, Tieren oder Viren im Boden interagieren.
Ziel ist es mit diesem Grundlagenwissen die angewandten Forschungsbereiche voranzubringen, und ich freue mich gerade immer mehr in Agrarprojekte involviert zu werden.
Welche Projekte wären das zum Beispiel?
Am Projekt NOcsPS werde ich mich beteiligen, bei dem es um einen Anbau ohne Pflanzenschutzmittel, aber mit Mineraldünger geht. Wir untersuchen, wie Pestizide auf Bodenorganismen wirken.
Fachgebiet Bodenbiologie |
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Am 1.1.2026 übernahm Prof. Dr. Tessa Camenzind das Fachgebiet an der Fakultät A. Es wurde in unveränderter Ausrichtung wiederbesetzt, nachdem ihre Vorgängerin Prof. Dr. Ellen Kandeler in den Ruhestand trat. mehr |
Mit Sven Marhan aus meinem Fachgebiet arbeite ich im Bereich Agri-Photovoltaik. Durch die Solaranlagen entsteht eine Beschattung, die den Kohlenstoff- und Stickstoffkreislauf im Boden verändern kann.
Daneben bringe ich auch Projekte aus meiner bisherigen Arbeit an der FU Berlin mit. Zum Beispiel eine Kooperation mit dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig oder mit Partnern in Australien und den USA. Es geht um Fragen der Stressresistenz von Pilzarten und der Veränderung von Pilzgemeinschaften unter sich ändernden Klimabedingungen.
Können Sie daraus dann auch praktische Empfehlungen ableiten?
Das ist tatsächlich einer meiner Kritikpunkte an der Bodenbiologie: Sie ist derzeit oft sehr deskriptiv. Wir haben weltweit viele Daten darüber, wie sich mikrobielle Gemeinschaften verändern und welche Organismen im Boden vorkommen. Aber wir wissen noch zu wenig über ihre Funktionen.
Genau hier setzt unsere Forschung an. Über die Pilzisolate aus dem Boden wollen wir diese Mechanismen besser verstehen, um die vielen vorhandenen Daten künftig auch für praktische Empfehlungen zu nutzen – etwa für ein Agrarmanagement, das Nährstoffverfügbarkeit, Kohlenstoffspeicherung und Pflanzengesundheit verbessert.
Werden Sie auch die Felder der Versuchsstation Agrarwissenschaften nutzen?
Ja, hier in Hohenheim gibt es viele Möglichkeiten, die ich bisher nicht hatte. Ich habe mich für die Exzellenzcluster GreenRobust und TERRA beworben, denn das geplante Diversitorium, in dem unterschiedliche Mineralzusammensetzungen und Bodenstrukturen getestet werden, finde ich besonders spannend. Mich interessiert vor allem, wie mikrobielle Nekromasse, also Überreste abgestorbener Mikroorganismen, Kohlenstoff in Böden einbringt und durch die Interaktion mit Mineraloberflächen stabilisiert wird.
Außerdem entwickeln wir neue Methoden, um Bodenprozesse direkt zu beobachten. In Kooperation mit der Universität in Lund in Schweden arbeiten wir mit Mikrochips, die Bodenporen im Miniaturmaßstab nachbilden. Darin lassen sich Mikroorganismen unter dem Mikroskop beobachten – eine Methode, die ich auch in Hohenheim etablieren möchte.
Beteiligen sich auch Studierende an Ihren Forschungsprojekten?
Hier arbeiten bereits einige Studierende mit, ich habe ja eine aktive Arbeitsgruppe übernommen. Auch Abschlussarbeiten habe ich schon ausgeschrieben. Formate wie Humboldt reloaded zur studentischen Forschung finde ich großartig, und es gibt hier auch noch weitere Möglichkeiten wie das Agrarbiologische Projekt. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass Hohenheim viele gute Formate bietet, Studierende früh an Forschung heranzuführen. Meiner Erfahrung nach ist das sehr motivierend.
Was bedeutet für Sie gute Lehre?
Vor allem, dass Studierende nach einer Veranstaltung mehr wissen als vorher – und verstehen, warum dieses Wissen wichtig ist. Gerade in den Agrarwissenschaften ist es mir wichtig zu vermitteln, welche zentrale Rolle der Boden spielt. Dieses System-Verständnis ist auch für die Praxis relevant.
Haben Sie einen Tipp für ein erfolgreiches Studium?
Mein wichtigster Tipp: Eigeninitiative zeigen. Und das Studium genießen – ich habe es damals als ein großes Privileg empfunden, sich intensiv mit einem Thema beschäftigen zu können. Außerdem denke ich, dass man am erfolgreichsten ist, wenn man sich ein Fach aussucht, das einem wirklich Freude macht. Und dabei nicht nur den späteren Job im Hinterkopf hat.
Eine Frage noch zum Abschluss: Was machen Sie denn in Ihrer Freizeit?
Da kümmere ich mich vor allem um meine drei Kinder. Wenn Zeit bleibt, treibe ich gerne Sport. Und ich reise sehr gern, was sich auch gut mit meinem Beruf verbinden lässt.
Eine große Leidenschaft von mir ist außerdem die Vogelbeobachtung. Wenn ich in ein neues Land komme, suche ich mir einen Vogelführer, packe mein Fernglas aus und halte Ausschau nach Arten, die ich noch nicht kenne. Leider etwas konträr zu meinem Fachgebiet – in Ecuador zum Beispiel gab es so viele interessante Vögel, aber ich habe die meiste Zeit im Boden gegraben.
Herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Camenzind!
Interview: Elsner / Klebs
Video: Klebs / Schmid


