Unsere Profs: Matthias Uhl baut Brücken zwischen Moral und Märkten [11.03.26]
Wenn über Wirtschaft gestritten wird, geht es oft auch um Moral: um Gerechtigkeit, Gewinne oder Ungleichheit. An dieser Schnittstelle arbeitet Matthias Uhl. Der Wirtschaftsethiker untersucht, warum moralische Vorstellungen und ökonomische Logik häufig aneinander vorbeireden – und wie sich diese Perspektiven miteinander verbinden lassen. Einer seiner Schwerpunkte: die Ethik neuer Technologien wie zum Beispiel künstliche Intelligenz.
Was Uhl an seinem Fach besonders schätzt: Die eher abstrakten philosophischen Fragen mit konkreten Methoden der Wirtschaftswissenschaften zu verbinden. Dazu arbeitet er oft auch experimentell. Seit 1. April 2025 leitet er das Fachgebiet Wirtschafts- und Sozialethik an der Uni Hohenheim.
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Sind Sie ein moralischer Mensch, Herr Uhl?
(lacht) Diese Frage zeigt schon ein typisches Missverständnis über mein Fach. In der Wirtschafts- und Sozialethik geht es nicht darum, besonders moralisch zu sein. Und schon gar nicht darum, anderen zu sagen, wie sie moralisch leben sollen.
Was mich interessiert: Wissenschaftliche Debatten über Wirtschaft und die ethischen Vorstellungen vieler Menschen haben sich teilweise auseinanderentwickelt. Beide Seiten sprechen oft unterschiedliche Sprachen. Mein Fach versucht zu verstehen, warum das so ist – und wie sie wieder besser miteinander ins Gespräch kommen.
Das klingt ziemlich abstrakt. Haben Sie ein Beispiel geben?
Wir schauen uns zum Beispiel an, wie Menschen über Märkte denken. In manchen Bereichen finden wir Märkte völlig normal. Niemand hat ein Problem damit, Brot beim Bäcker zu kaufen. In anderen Bereichen reagieren viele Menschen sehr kritisch.
Ein klassisches Beispiel ist der Handel mit menschlichen Organen. Die meisten Menschen lehnen das stark ab. Uns interessiert dann die Frage: Liegt das an der Handlung selbst? Oder daran, dass Geld ins Spiel kommt?
Um solche Fragen zu untersuchen, arbeiten wir mit Experimenten. Wir beschreiben Situationen und schauen uns an, wie Menschen darauf reagieren und wie sie entscheiden.
Und was bringt das?
Wir wollen zuerst einmal verstehen, woher moralische Vorbehalte gegen Märkte kommen. Dahinter stecken oft Vorstellungen von Gerechtigkeit oder Sorgen über Ungleichheit.
Solche Einschätzungen spielen in der öffentlichen Diskussion eine große Rolle. In der wissenschaftlichen Debatte tauchen diese Perspektiven oft kaum auf.
Unsere Profs... |
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Wirtschaftsethik kann hier vermitteln. Wenn wir verstehen, wie Menschen moralisch über Wirtschaft denken, können Ökonominnen und Ökonomen ihre Argumente besser erklären – und zugleich ernst nehmen, welche Bedenken es in der Gesellschaft gibt.
Wir wissen, dass Sie sich auch mit der Ethik von neuen Technologien beschäftigen und ganz speziell mit Künstlicher Intelligenz.
Neue Technologien sind spannend, weil sie neue Fragen stellen!
Wir haben ein Forschungsprojekt zu menschlichem Vertrauen in Künstliche Intelligenz. Ein Beispiel sind Krankheitsdiagnosen. In der Medizin werden hier immer mehr KI-Systeme eingesetzt. Zum Beispiel, um auf einem Röntgenbild einen Tumor zu erkennen.
Es gibt zwei Risiken. Das eine ist Übervertrauen – dass Ärztinnen und Ärzte der Maschine einfach folgen. Das andere ist das Gegenteil: dass sie die Technik komplett ignorieren.
Das Beispiel deckt ein interessantes Phänomen auf: Viele moralische Probleme entstehen nicht, weil einzelne Menschen schlechte Absichten haben. Sie entstehen aus den Strukturen, in denen Menschen handeln.
Wenn wir diese Strukturen besser verstehen, können wir auch überlegen, wie man sie verbessern kann. Im konkreten Beispiel: Wie gestaltet man das System so, dass KI und Menschen jeweils ihre Stärken einbringen? Genau das finde ich spannend.
Was fasziniert Sie persönlich an solchen Fragen?
Mich reizt die Verbindung von Philosophie und Wirtschaftswissenschaften. Die Philosophie beschäftigt sich mit den großen Grundfragen: „Was ist gerecht? Wie sollen wir handeln?“ Das fand ich immer schon interessanter als klassische ökonomische Themen wie Preisniveau oder Wachstumsraten.
Die Ökonomik hat dafür sehr klare Werkzeuge, um wichtige Aspekte dieser Fragen zu untersuchen: Statistik, Experimente und Modelle wie das der Spieltheorie.
Fachgebiet Wirtschafts- und Sozialethik |
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Seit 1.9.2024 leitet Prof. Dr. Matthias Uhl das Fachgebiet an der Fakultät WiSo. Es wurde von „Evangelische Theologie und ihre Didaktik“ neu ausgerichtet, nachdem sein Vorgänger Prof. Dr. Ulrich Mell in den Ruhestand trat. mehr |
Und wie war Ihr Weg dahin?
Philosophische Fragen haben mich schon in meinem Wirtschaftsstudium interessiert. Während meiner Promotion am Max-Planck-Institut hat mich mein damaliger Chef Werner Güth geprägt. Auch er hat wirtschaftliche Fragen immer auch philosophisch gedacht.
Zwischendurch habe ich auch ein halbes Jahr in einer Unternehmensberatung gearbeitet. Das war eine wichtige Erfahrung – vor allem, weil ich gelernt habe, dass das nichts für mich ist.
So bin ich zurück an die Uni: erst die TU München, dann die Technischen Hochschule Ingolstadt. Dort habe ich viel über Transfer und Zusammenarbeit mit der Praxis gelernt. Begeistert hat mich aber weiterhin die Grundlagenforschung. So bin ich schließlich nach Hohenheim gekommen.
Wie könnten wir Studierende bei Ihrer Forschung mitmachen?
Neben Seminaren und Abschlussarbeiten wollen wir auch Projekte im Programm „Humboldt reloaded“ anbieten. Die Idee ist, dass Studierende eigene Forschungsfragen entwickeln, kleine Experimente durchführen und dann die Daten selbst auswerten.
Was ist für Sie gute Lehre?
Gute Lehre bringt Studierende zum Nachdenken. Sie sollen nicht nur Inhalte lernen, sondern auch ihre eigenen Positionen hinterfragen.
Gerade in der Ethik gehört das dazu. Der Soziologe Niklas Luhmann hat einmal gesagt: Die wichtigste Aufgabe der Ethik ist Moralkritik. Wir müssen also auch unsere eigenen moralischen Überzeugungen prüfen. Wo kommen sie her? Und gelten sie heute noch?
Solche Fragen möchte ich in der Lehre anstoßen.
Und Ihr Tipp für ein gelungenes Studium?
Erstens. Das tun, was einen wirklich interessiert. Interesse führt zu Kompetenz – und Kompetenz findet ihren Platz am Markt.
Zweitens: Die Bereitschaft zu Anstrengung. Erkenntnisgewinn entsteht oft erst, wenn man ein „dickes Brett gebohrt“ hat. Gerade diese Erfahrung macht den Erfolg am Ende besonders befriedigend
Zum Schluss noch die persönliche Frage: Was machen Sie, wenn Sie nicht arbeiten?
Ich höre sehr gern Musik, vor allem Progressive und Psychedelic Rock. Ich gehe gern auf Konzerte und ich spiele gerne Billard.
Außerdem lese ich viel, nicht nur Fachliteratur, sondern auch Romane. Und natürlich verbringe ich möglichst viel Zeit mit meiner Frau und meinen zwei Töchtern.
Vielen Dank für das Gespräch!
Video und Interview: Elsner / Klebs / Schmid


