Unsere Profs: Philipp Weinschenk begegnet Unsicherheit mit Mathematik  [04.03.26]

Anreize wie Bonuszahlungen oder Garantien sind ein zentrales Thema von Professor Phillipp Weinschenk: Der Mikroökonom erforscht, wie sie gestaltet sein müssen, damit strategische Interaktionen zielführender werden. Er arbeitet dabei mit mathematischen Modellen – ein Begriff, der seine Augen leuchten lässt. Mit spieltheoretischen Methoden, so sein Credo, lassen sich Interaktionen beschreiben und letztlich verbessern – von Klimaschutzverhandlungen zwischen Staaten bis hin zum Miteinander in einer Ehe.


Seit rund zehn Monaten leitet Weinschenk an der Uni Hohenheim das Fachgebiet „Volkswirtschaftslehre, insbesondere Information und Unsicherheit“. Er hat sich bewusst für Hohenheim entschieden, da hier die Wirtschaftswissenschaften eine zentrale Rolle spielen. In der Lehre hat er einen relativ hohen Anspruch, damit ein Abschluss in Hohenheim den Einstieg in den Beruf ebnet. Damit dies nicht zum Stolperstein für seine Studierenden wird, schafft er möglichst gute Lernbedingungen, um sie optimal vorzubereiten.

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Herr Weinschenk, „Information und Unsicherheit“ heißt Ihr Fachgebiet. Was verbirgt sich dahinter?

Das ist ein Teilgebiet der Volkswirtschaftslehre, genauer gesagt gehört es zur Mikroökonomik. Wir unterscheiden zwischen Makro- und Mikroökonomik: Makroökonomik befasst sich mit Themen wie Arbeitslosigkeit, Zinsen oder Konjunktur, während die Mikroökonomik das Verhalten einzelner Personen und Unternehmen, ihre Entscheidungen unter Risiko, ihr Spar- und Konsumverhalten oder ihr strategisches Handeln untersucht.

Speziell beim Thema Information und Unsicherheit geht es vor allem um Situationen, in denen Menschen oder Firmen miteinander interagieren, dabei aber nicht alle über dieselben Informationen verfügen. Häufig weiß eine Seite mehr als die andere, und daraus entstehen Unsicherheit und wirtschaftliche Probleme. 

Könnten Sie uns ein paar Beispiele geben?

Sagen wir, jemand möchte einen Gebrauchtwagen kaufen. Dann weiß die Verkäuferin in der Regel mehr über das Auto als der Käufer. Zum Beispiel, ob es reparaturanfällig ist oder ob es Vorschäden gab. Der Käufer ist deshalb unsicher und muss Erwartungen zur Qualität bilden. Diese sogenannte Informationsasymmetrie kann dazu führen, dass gar kein Handel zustande kommt. Solche Probleme lassen sich zum Beispiel durch Garantien über einen bestimmten Zeitraum abmildern, damit trotz ungleicher Informationen Kauf und Verkauf möglich werden. 

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Das gibt es auch auf anderen Ebenen, beispielsweise bei Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen. So haben Eigentümer einer Firma ein Interesse daran, dass sich ihr Manager anstrengt. Doch etwa im Homeoffice oder auf Geschäftsreisen ist das schwer überprüfbar. Der Manager selbst weiß natürlich, wie sehr er sich engagiert. Beide Seiten haben also unterschiedliche Informationen und Interessen. Wir untersuchen, wie man durch geeignete Anreizsysteme – wie Zielvorgaben, Boni oder Beförderungen – erreichen kann, dass sich der Manager oder andere Beschäftigte von sich aus stärker engagieren.

Was fasziniert Sie an diesen Fragestellungen?

Mich fasziniert, dass man überall in der realen Welt irgendwelche Informationsasymmetrien sieht. Nicht nur in Unternehmen und auf Märkten, sondern auch zwischen Staaten oder sogar im privaten Leben, etwa in einer Ehe.

Solche strategischen Interaktionen lassen sich gut mit Modellen der Spieltheorie beschreiben. Ich beschäftige mich insbesondere mit Vertragstheorie. Dabei betrachtet man nicht nur, wie sich Akteure in einem konkreten Spiel verhalten, sondern wie man die strategische Situation gestalten kann, damit sich die Menschen zum Beispiel mehr anstrengen oder Informationen bereitstellen. All diese Fragen kann man sehr schön mit mathematischen Modellen formalisieren, und das macht mir persönlich einfach Spaß. 

Gleichzeitig arbeite ich auch mit empirisch arbeitenden Kolleginnen und Kollegen zusammen, etwa in Labor- oder Feldexperimenten, um zu prüfen, wie sich Menschen tatsächlich verhalten und wie gut Theorie und Realität zusammenpassen.

Gab es denn ein Schlüsselerlebnis auf Ihrem Weg zur Professur in Hohenheim?

Ein Schlüsselerlebnis gab es eigentlich nicht. Aber schon im ersten Semester meines Studiums habe ich gemerkt, dass mir das Fach sehr liegt, dass ich vieles schnell verstehe und dass es mich stark interessiert. So wurde mir relativ schnell klar, dass eine wissenschaftliche Laufbahn für mich grundsätzlich infrage kommt. Vor rund elf Jahren habe ich dann schließlich meine erste feste Professur erhalten.

Und dann der Wechsel nach Hohenheim?


Ich war zehn Jahre an der RPTU Kaiserslautern-Landau, einer regionalen, technisch geprägten Universität. Auch eine gute Uni, aber Hohenheim ist im Bereich der Wirtschaftswissenschaften deutlich stärker aufgestellt. Ich sehe in Hohenheim zwei klare Schwerpunkte: Agrar-, Lebens- und Biowissenschaften auf der einen Seite – und die Wirtschaftswissenschaften auf der anderen. Es ist sehr attraktiv, an einer Universität zu arbeiten, an der dieses Fach eine so zentrale Rolle spielt – das war für mich ein wichtiger Grund für den Wechsel.

Fachgebiet Volkswirtschaftslehre, insbesondere Information und Unsicherheit

Seit 1.04.2025 leitet Prof. Dr. Philipp Weinschenk das Fachgebiet an der Fakultät WiSo. Die Bezeichnung änderte sich von „Mikroökonomie, insb. Industrieökonomie“, nachdem der frühere Leiter Prof. Dr. Ulrich Schwalbe in den Ruhestand trat. mehr 


Hinzu kamen persönliche Gründe: Ich bin in Stuttgart geboren und in der Region aufgewachsen. Ausschlaggebend war das jedoch nicht. Eine wissenschaftliche Karriere ist schwer planbar, aber ich habe mich ganz bewusst auf die Stelle hier beworben und den Wechsel nach Hohenheim gezielt angestrebt. Und ich bin froh, hier zu sein.

Hätten Sie für uns ein Beispiel für eines Ihrer Forschungsprojekte? 


Ich arbeite derzeit an einem anwendungsnahen Projekt zum Klimaschutz, bei dem wir spieltheoretische Methoden verwenden. Ausgangspunkt ist, dass der Klimawandel vor allem durch den Ausstoß von CO₂ und anderen Treibhausgasen entsteht und dass unterschiedliche Länder unterschiedliche Interessen und Kosten haben, wenn sie Emissionen reduzieren.

Aus spieltheoretischer Sicht ist das ein klassisches Externalitätenproblem: Ein Land trägt die Kosten, während der Nutzen allen zugutekommt. Deshalb gibt es ohne geeignete Regeln typischerweise zu wenig Klimaschutzmaßnahmen. Wir untersuchen, unter welchen Bedingungen internationale Verhandlungen trotzdem zu Ergebnissen führen können. So sind Verhandlungen über CO₂-Zertifikate dann besonders erfolgversprechend, wenn nicht nur über die Gesamtmenge der Zertifikate verhandelt wird, sondern auch über ihre anfängliche Verteilung. Wenn mehrere Gestaltungselemente offen sind, lassen sich Interessenkonflikte besser ausgleichen, etwa indem Länder mit geringem Klimaschutzinteresse zusätzliche Zertifikate erhalten.

Aus ökonomischer Sicht ist wichtig, Klimaschutz dort umzusetzen, wo dies mit geringsten Kosten möglich ist. Es ist ineffizient, wenn nur einzelne Länder wie Deutschland sehr hohe Ausgaben tragen, während anderswo günstiger Emissionen vermieden werden könnten. Allerdings zeigen unsere Modelle auch, dass Verhandlungen scheitern können, wenn die Unterschiede zwischen den Ländern zu groß sind – etwa weil manche Länder wie Kanada oder Russland möglicherweise weniger unter dem Klimawandel leiden oder sogar davon profitieren, während andere stark betroffen sind. 

Wie spannend! Können sich denn Studierende auch schon an Ihrer Forschung beteiligen?


HiWi-Jobs habe ich bisher noch nicht ausgeschrieben, erst einmal musste ich wissenschaftliche Mitarbeitende für Lehre und Forschung finden. Humboldt reloaded (Anm. d. Red.: Programm der Uni Hohenheim für studentische Forschung bereits im Grundstudium) finde ich eine gute Idee. Ich kann es mir gut vorstellen, dazu etwas anzubieten. Auch Abschlussarbeiten wird es natürlich geben.

Bisher habe ich vor allem auf die Vorlesungen fokussiert. Ich bin erst seit zehn Monaten in Hohenheim und hatte gleich an meinem ersten Tag hier eine große Grundlagen-Vorlesung im Fach Mikroökonomie – mit 800 Teilnehmenden, so dass sie geteilt werden musste, und rund 1.000 Prüfungen. 

So große Vorlesungen sind eine besondere Herausforderung…

…ja, in der Tat. Ich mache das alles sehr gerne, aber es ist natürlich aufwändig. 

Wie stellen Sie dabei die hohe Qualität Ihrer Lehre sicher?

Auch bei großen Vorlesungen versuche ich, die sehr unterschiedlichen Voraussetzungen der Studierenden zu berücksichtigen. Deshalb erkläre ich die Inhalte bewusst auf mehreren Ebenen – über Motivation und Fragestellung, grafisch, verbal und auch mathematisch – und begründe die Ergebnisse immer auch intuitiv.

Gleichzeitig darf die Lehre nicht trivial sein. Dieses Gleichgewicht erfordert viel Vorbereitung. Ich investiere viel Zeit in präzise, kompakte Materialien. Auf meinen Folien soll nur stehen, was wirklich wichtig ist. Zu viel Text lenkt ab, zu wenig erklärt nicht genug. Die Unterlagen werden laufend weiterentwickelt, wenn ich merke, dass etwas nicht optimal verständlich ist.

Ich habe hohe Ansprüche in der Lehre, möchte aber zugleich keine unnötig hohen Hürden aufbauen. Mein Ziel ist es daher, möglichst gute Lern-Bedingungen zu schaffen. Ein klares Leistungsniveau in den Prüfungen braucht es aber. Denn eine Universität ist die höchste Bildungsinstitution, sie muss einen Qualitätsmaßstab setzen. Ein Abschluss in Hohenheim muss einen Wert haben und zeigen, dass Absolvent:innen bestimmte Fähigkeiten und Kenntnisse erworben haben. Das sichert schließlich die Chancen hat auf entsprechende Karrierewege nach der Universität.

Haben Sie einen Tipp für ein erfolgreiches Studium?

Ich denke, dass es immer wichtig ist, den Stoff kritisch zu hinterfragen und ihn auf mehreren Ebenen zu verstehen. Außerdem sollte man während des Semesters kontinuierlich am Ball bleiben: Vorlesungen und Übungen besuchen und sich regelmäßig Zeit nehmen, den Stoff selbst nachzuarbeiten und nicht erst kurz vor der Klausur anfangen. Wenn man laufend mitarbeitet, ist meiner Erfahrung nach die Chance groß, dass es interessant ist und dass man dann erfolgreich ist.

Eine abschließende Frage, Herr Weinschenk: Was machen Sie, wenn Sie nicht arbeiten?

Ich habe eine Familie mit drei Kindern zwischen sechs und dreizehn Jahren. Da bin ich mit meinem Beruf, der Familie und den Aufgaben des Alltags schon gut ausgelastet, momentan bleibt mir nicht viel Zeit für Hobbys. 

Wir danken für das Gespräch, Herr Weinschenk!

Interview: Elsner
Video: Klebs / Schmid


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