Er sucht Lösungen zwischen Höchstertrag und Nachhaltigkeit [12.07.26]
Wie viel Ertrag kann Landwirtschaft maximal erzielen? João da Silva untersucht vor Ort und berechnet, was theoretisch auf Feldern möglich wäre – um dann einen sinnvollen Kompromiss zu finden. Dabei sollen möglichst hohe Erträge mit Umweltschutz, Biodiversität und den gesellschaftlichen Realitäten vor Ort im Einklang stehen. Im Fokus stehen einzelne Betriebe ebenso wie ganze Regionen oder Kontinente.
„Ich war nie der Typ, der früh wusste, was ich einmal machen will“, gesteht João da Silva gleich zu Beginn des Interviews. Einfach, weil ihn zu viele Dinge gleichzeitig faszinierten. Also suchte er sich einen Beruf, in dem er nichts davon aufgeben musste: „Ich arbeite mit Mathematik für meine Computermodelle, brauche Biologie für das Pflanzenwachstum, Chemie für den Boden, Physik fürs Klima – und am Ende auch noch Ökonomie, weil es ja um das Einkommen der Landwirte geht.“
Auch geografisch wollte sich der gebürtige Portugiese nie auf einen Ort festlegen. Heute forscht er weltweit, mit einem Schwerpunkt in Afrika. Von dort brachte er die Liebe zu Natur, Camping und Grillen mit Freunden mit. Was er in Hohenheim vermisst: das Meer.
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Herr Silva, Sie leiten das Fachgebiet für Pflanzenproduktion in den Tropen und Subtropen. Das klingt einerseits sehr speziell – und gleichzeitig ziemlich global. Was steckt dahinter?
Im Kern geht es darum, Landwirtschaft im großen Zusammenhang zu verstehen. Also nicht nur ein einzelnes Feld, sondern ganze Regionen oder sogar Kontinente. Wie entwickeln sich Erträge? Welche Rolle spielt das Klima? Wie funktionieren landwirtschaftliche Systeme insgesamt?
Unsere Profs... |
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Mich beschäftigt dieses Thema eigentlich schon seit meiner Kindheit. Ich bin in Portugal aufgewachsen, teils in der Stadt, teils auf dem Land. Ich habe erlebt, wie sich ländliche Regionen verändern, wie Menschen wegziehen und Landwirtschaft oft eher negativ wahrgenommen wird.
Dabei ist Landwirtschaft die Grundlage für so vieles: für unsere Ernährung, für die Umwelt und für die Entwicklung ganzer Regionen. Diese Spannung hat mich nie losgelassen.
Sie untersuchen welche Erträge auf einem Feld theoretisch maximal möglich wären. Warum ist dieses „Maximum“ für Sie so wichtig?
Weil es mir eine Orientierung gibt. Wenn ich weiß, was unter idealen Bedingungen möglich wäre, kann ich vergleichen: Wo stehen wir eigentlich heute? Tatsächlich liegen die Erträge vieler Betriebe deutlich unter diesem theoretischen Potenzial – und dafür gibt es oft gute Gründe. Diese Lücke nennen wir „Yield Gap“.
Spannend ist dann die Frage: Warum gibt es diese Lücke? Liegt es an der Düngung, an der Bewirtschaftung oder an fehlender Technik? Oder vielleicht einfach daran, dass Landwirtinnen und Landwirte unter ihren konkreten Bedingungen ganz andere Prioritäten haben, als den letzten möglichen Ertrag aus einem Feld herauszuholen?
Ist es denn überhaupt erstrebenswert, immer das Maximum erreichen zu wollen? Für solche Maximierungsstrategien zahlt die Gesellschaft häufig an anderer Stelle einen hohen Preis.
Da stimme ich zu. Wenn ich alles auf maximalen Ertrag ausrichte, kann das extrem teuer werden oder die Umwelt stark belasten. Dieses theoretische Maximum ist deshalb kein Ziel, sondern ein Referenzpunkt.
Am Ende geht es darum, einen guten Kompromiss zu finden: Wie viel Ertrag ist unter den jeweiligen Bedingungen sinnvoll? Dazu gehören die Umwelt genauso wie die Wirtschaftlichkeit eines Betriebs, das jeweilige Anbausystem und die Lebensrealität der Landwirtinnen und Landwirte.
Wie finden Sie heraus, was möglich ist – und was sinnvoll?
Ich kombiniere verschiedene Ansätze. Wir gehen auf die Felder, messen, beobachten, sprechen mit Landwirtinnen und Landwirten und führen gemeinsam mit ihnen Versuche durch. So verstehen wir besser wie Pflanzen wachsen, wie landwirtschaftliche Systeme funktionieren und wie die Menschen vor Ort unsere Forschung wahrnehmen.
Fachgebiet Pflanzenproduktion in den Tropen und Subtropen |
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Seit 15.9.2025 leitet Prof. Dr. João da Silva das Fachgebiet für Pflanzenproduktion in den Tropen und Subtropen, nachdem der frühere Leiter Prof. Dr. Georg Cadisch in den Ruhestand trat. |
Gleichzeitig arbeiten wir mit Modellen und großen Datensätzen. Damit erkennen wir Muster und können unsere Erkenntnisse auf größere Regionen übertragen, ohne den lokalen Bezug zu verlieren. Ich würde sagen: Auf dem Feld lernen wir, wie Dinge funktionieren und was tatsächlich machbar ist. Mit den Daten können wir anschließend bewerten, welchen Nutzen bestimmte Maßnahmen insgesamt haben und in welchen anderen Regionen sie ebenfalls sinnvoll sein könnten.
Das klingt sehr zielgerichtet. Ihr persönlicher Weg nach Hohenheim war dagegen alles andere als geradlinig. Wie sind Sie hier gelandet?
(lacht) Ja, das stimmt. Während meines Studiums in Portugal bin ich für ein Erasmus-Semester in die Niederlande gegangen – und dann einfach geblieben. Aus sechs Monaten wurden zehn Jahre mit Master, Promotion und Postdoc an der Universität Wageningen.
Danach wechselte ich nach Simbabwe an das International Maize and Wheat Improvement Center (CIMMYT). Dort habe ich fünf Jahre in der internationalen Agrarforschung gearbeitet. Das war persönlich wie fachlich eine unglaublich bereichernde Zeit, weil ich mich dort jeden Tag mit ganz konkreten Fragen zur Zukunft der Landwirtschaft und zur Ernährungssicherheit beschäftigt habe. Mein Schwerpunkt lag auf Afrika, ich habe aber auch in anderen tropischen und subtropischen Regionen gearbeitet, etwa in Asien.
Irgendwann stellte sich dann die Frage: Wie geht es weiter? Die Professur in Hohenheim passte einfach hervorragend – sowohl thematisch als auch wegen ihres internationalen Profils.
In Hohenheim sind Sie zum ersten Mal seit Jahren nicht mehr direkt in Ihrem Forschungsgebiet unterwegs. Wie wollen Sie Ihren Studierenden die Tropen und Subtropen näherbringen?
Eigentlich sind wir den Tropen und Subtropen viel näher, als man denkt. Kaffee, Kakao, Soja oder Palmöl begegnen uns jeden Tag. Schon über diese Produkte lassen sich spannende Fragen stellen: Wer produziert sie eigentlich? Unter welchen Bedingungen? Welche Herausforderungen gibt es entlang der Wertschöpfungskette?
Außerdem müssen wir den Blick auf die weltweite Versorgung mit Grundnahrungsmitteln richten. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie eng unsere Ernährungssysteme miteinander verknüpft sind – ob durch die Corona-Pandemie, den Krieg in der Ukraine oder die aktuellen Krisen im Nahen Osten. Solche Ereignisse haben unmittelbare Auswirkungen auf die Verfügbarkeit von Lebensmitteln und auf die Menschen, die sie produzieren.
Mir ist wichtig zu zeigen, dass hinter unserem täglichen Einkauf globale Zusammenhänge stehen. Deshalb möchte ich auch Unternehmen und andere Praxispartner stärker in die Lehre einbeziehen. Warum nicht einmal nach Waldenbuch fahren und bei Ritter Sport darüber sprechen, welche Herausforderungen der Kakaoanbau mit sich bringt? Von dort aus lässt sich der Blick wieder zurück auf die Anbauregionen richten. So lernen Studierende unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und Forschung an realen Fragestellungen auszurichten.
Ist es das, was Sie unter guter Lehre verstehen?
Ja, unbedingt. Theorie allein reicht nicht. Sie ist wichtig, aber sie muss angewendet werden.
Deshalb arbeite ich gern mit konkreten Beispielen. Wir rechnen mit echten Daten, entwickeln einfache Modelle und diskutieren reale Fragestellungen. Exkursionen oder Praxisbeispiele helfen dabei enorm.
Noch wichtiger ist mir allerdings, dass Studierende lernen, kritisch zu denken. Sie sollen Informationen hinterfragen, eigene Argumente entwickeln und auch den Status quo kritisch prüfen. Das halte ich heute für eine der wichtigsten Kompetenzen überhaupt.
Was raten Sie Studierenden, die erfolgreich durchs Studium kommen wollen?
Ich gebe bewusst einen Rat, der vielleicht nicht ganz zum Zeitgeist passt: Gehen Sie Risiken ein. Verlassen Sie Ihre Komfortzone, sammeln Sie neue Erfahrungen und lernen Sie andere Perspektiven kennen – zum Beispiel während eines Auslandsaufenthalts. Auch wenn man am Anfang noch gar nicht weiß, wohin einen dieser Weg führt.
Mein zweiter Rat lautet: Spezialisieren Sie sich nicht zu früh. Lernen Sie zunächst möglichst viele Bereiche kennen. Finden Sie heraus, was Sie wirklich begeistert. Erst dann lohnt es sich, tiefer einzusteigen – und dabei ruhig mit Menschen aus anderen Fachrichtungen zusammenzuarbeiten.
Und schließlich: Das Studium sollte Freude machen. Wenn man keinen Spaß mehr daran hat, stimmt meistens etwas nicht.
Wenn Sie nicht forschen oder lehren – was beschert Ihnen dann besonderen Spaß?
Meine freie Zeit ist in den vergangenen Jahren etwas knapper geworden (lacht). Deshalb verbringe ich sie vor allem mit meiner Familie und meinen Kindern.
Außerdem koche ich gern, grille mit Freunden oder treffe mich einfach auf ein gutes Essen. Und wann immer es möglich ist, fahre ich nach Portugal ans Meer – das fehlt mir hier manchmal schon.
Aus meiner Zeit in Afrika ist mir außerdem die Liebe zur Natur geblieben. Camping, draußen sein, Tiere beobachten – das erdet einen ganz gut.
Interview: Klebs


