Abtreibungsgesetze und ihre Folgen für Frauen [18.08.25]
Wie beeinflussen Abtreibungsgesetze Gesundheit, Bildung und wirtschaftliche Chancen von Frauen in Europa? Dieser Frage widmet sich ein Kooperationsprojekt mit Beteiligung der Universität Hohenheim. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der deutschen Wiedervereinigung: Die notwendige Harmonisierung unterschiedlicher Abtreibungsgesetze in Ost- und Westdeutschland ermöglicht seltene Einblicke in die Folgen von rechtlichen Lockerungen und Einschränkungen innerhalb eines Landes.
Die Möglichkeit, über die eigene Gesundheit rund um Schwangerschaft und Familienplanung zu entscheiden, gilt als wesentliche Voraussetzung für die Gleichberechtigung. Sie eröffnet Frauen die Chance, Bildungs- und Karriereziele zu verwirklichen, und verbessert zugleich die Gesundheit von Müttern.
Seit den 1960er Jahren haben Fortschritte in der Verhütungstechnologie sowie ein Wandel gesellschaftlicher Einstellungen dazu beigetragen, ungewollte Schwangerschaften zu verhindern oder abzubrechen. Trotz zahlreicher Lockerungen in vielen Ländern bleibt das Thema jedoch hoch umstritten: Während der Oberste Gerichtshof der USA die rechtlichen Rahmenbedingungen deutlich verschärfte, brachte in Deutschland die Aufhebung des Werbeverbots für Abtreibungen mehr Transparenz und Rechtssicherheit.
Vor diesem Hintergrund untersucht ein Forschungsvorhaben, wie sich unterschiedliche Abtreibungsgesetze in Deutschland und Europa auf die Möglichkeiten von Frauen bei Schwangerschaft, bei der Familienplanung und im Beruf auswirken. Die Grundlage bildet ein europaweiter Datensatz, der offizielle Statistiken zu Abtreibungen, Fruchtbarkeit, demografischen Entwicklungen und wirtschaftlichen Ergebnissen zusammenführt. Ergänzt wird er durch individuelle Daten für Deutschland. So wollen die Forschenden Trends erkennen und die Folgen unterschiedlicher Abtreibungspolitiken auf Gesundheit, Lebenswege und wirtschaftliche Teilhabe von Frauen untersuchen.
Dabei nutzen Prof. Dr. Aderonke Osikominu vom Fachgebiet Ökonometrie und Empirische Wirtschaftsforschung der Universität Hohenheim und Prof. Dr. Mirjam Stockburger von der JLU Gießen einen sogenannten Differenz-in-Differenzen-Ansatz: Sie vergleichen die Veränderungen in betroffenen Gruppen mit ähnlichen, aber nicht betroffenen Gruppen. Und dabei stellen sie die Zeit vor und nach der rechtlichen Anpassung gegenüber. So können sie deren Einfluss recht präzise bestimmen.
Einen besonderen Fall stellt dabei die deutsche Wiedervereinigung dar. Dieses historische Ereignis wirkte wie ein ungeplantes Experiment, da die unterschiedlichen Abtreibungsgesetze in Ost- und Westdeutschland harmonisiert wurden. Dadurch können die Forschenden die Auswirkungen sowohl der Lockerungen als auch der Einschränkungen innerhalb eines einzigen Landes untersuchen.
Projekt-Steckbrief
- Titel: Liberalisierung von Abtreibungen und die Reproduktions- und Arbeitsmarktergebnisse von Frauen in Europa und Deutschland
- Fördersumme: insgesamt 320.153 Euro, davon 155.135 Euro für die Universität Hohenheim
- Förderinstitution: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
- Dauer: 1.9.2025-31.8.2028
- Beteiligte: Prof. Dr. Aderonke Osikominu, Universität Hohenheim und Prof. Dr. Mirjam Stockburger, JLU Gießen
Schwergewichte der Forschung
Als „Schwergewichte der Forschung“ gelten herausragende Forschungsprojekte mit einem finanziellen Volumen von mindestens 350.000 Euro bei den Experimental- bzw. 150.000 Euro bei den Sozial- und Gesellschaftswissenschaften.
Kontakt
Prof. Dr. Aderonke Osikominu, Universität Hohenheim, Fachgebiet Ökonometrie und Empirische Wirtschaftsforschung, +49 (0)711 459 22931, a.osikominu@uni-hohenheim.de