Geschäfts-Risiken:
KI erstmals genannt, Klimawandel wird vernachlässigt [25.06.26]
Risikomonitor 2026: Uni Hohenheim und Kommunikationsberatung Crunchtime Communications analysieren Geschäftsberichte von 138 DAX-, MDAX- und SDAX-Unternehmen.
Börsennotierte Unternehmen in Deutschland meldeten in ihren Geschäftsberichten ähnlich viele Risiken wie 2025. Dies ergab eine Auswertung der Universität Hohenheim in Stuttgart. Die größten Risiken für ihr Geschäft sehen die Unternehmen nach wie vor in regulatorischen Belastungen, Cyber-Angriffen sowie Finanzthemen (je 96 Prozent), in geopolitischen Entwicklungen sowie in Recht/Compliance-Fragen (je 93 Prozent). Künstliche Intelligenz (KI) wird erstmalig in 26 Prozent der Geschäftsberichte als Risiko genannt. Den stärksten Rückgang gegenüber 2025 verzeichnet das Risiko „Klimawandel“ mit minus 19 Prozentpunkten. Nach wie vor vermieden es die Vorstandsvorsitzenden, die meisten Risiken bereits in ihren Vorworten anzusprechen. Die Auswertung erfolgte in Kooperation von Kommunikationswissenschaftler:innen der Universität Hohenheim und der Kommunikationsberatung Crunchtime Communications. Die Studie im Detail unter www.uni-hohenheim.de/uploads/media/260615_Crunchtime_Risikomonitor_2026_Studienreport_Uni.pdf
Für ihre aktuelle Studie haben Wissenschaftler:innen der Universität Hohenheim und der Kommunikationsberatung Crunchtime Communications alle Geschäftsberichte untersucht, die im Zeitraum 1.2. bis 30.4.2026 veröffentlicht wurden. Dabei wurden speziell die Vorstandsvorworte und die Risikoberichte aus den Geschäftsberichten von 138 der 160 in DAX, MDAX und SDAX gelisteten Unternehmen analysiert.
Während 2025 zwei Risiko-Kategorien oberhalb der 90-Prozent-Marke lagen, sind es 2026 bereits fünf. Regulatorische Veränderungen (wie z. B. gesetzliche Auflagen und Vorschriften) sowie Cyber-Vorfälle (wie z. B. Systemausfälle, Datenlecks oder Cyber-Angriffe) liegen mit jeweils 96 Prozent weiterhin auf sehr hohem Niveau. Hinzu kommen Finanzthemen (wie z. B. Währungs-/ Wechselkursrisiken, Zinsänderungen oder schwankende Zölle; +10 Prozentpunkte auf 96 Prozent), geopolitische Entwicklungen (wie der Krieg in der Ukraine oder der Konflikt im Nahen Osten; +7 Prozentpunkte auf 93 Prozent) sowie Recht und Compliance (wie z. B. Verschärfungen aus Kartell- und Wettbewerbsrecht, Produkthaftung oder Steuerrecht; +10 Prozentpunkte auf 93 Prozent). Sie werden ebenfalls von nahezu allen Unternehmen genannt.
Damit ist die Risiko-Agenda deutscher Unternehmen 2026 stark von Rahmenbedingungen geprägt, die sie selbst nur begrenzt beeinflussen können. Für Unternehmen heißt das: Auch der kommunikative Umgang mit anhaltender Unsicherheit und Volatilität wird zu einem wichtigen Erfolgsfaktor.
Dazu sagt Johannes Fischer, geschäftsführender Gesellschafter von Crunchtime: „Dass sich nahezu alle Unternehmen denselben, kaum steuerbaren Risiken ausgesetzt sehen, zeigt vor allem eines: Der Umgang mit Unsicherheit, Disruption und Volatilität ist weiter zur Normalität geworden – und damit selbst zum strategischen Erfolgsfaktor. Die Risikoberichte lesen sich dabei streckenweise wie ein Hilferuf an die Politik nach konsequenten Reformen und verlässlichen Rahmenbedingungen.“
Stärker operativ beeinflussbare Risiko-Kategorien gehen gegenüber dem Vorjahr hingegen zurück. Fachkräftemangel fällt von 81 auf 74 Prozent, Produktions- und Lieferengpässe von 73 auf 60 Prozent, verändertes Kundenverhalten von 73 auf 58 Prozent. Das Gefälle zwischen Risiken aus schwer steuerbaren Rahmenbedingungen und stärker operativ beeinflussbaren Geschäftsrisiken wächst damit.
Prof. Dr. Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim interpretiert die Ergebnisse: „Die Risikoberichte deutscher Unternehmen sind ein Stimmungsbarometer: Die wahrgenommene Abhängigkeit von externen Systemzwängen wächst, die gefühlte eigene Handlungsfähigkeit schwindet. Das fordert die Unternehmen und CEOs zunehmend kommunikativ. Gerade in Zeiten, in denen Risiken und Krisen bedeutend sind, erwarten Stakeholder von Unternehmen Orientierung und eine Perspektive. Davon, wie gut das Unternehmen gelingt, hängt nicht zuletzt ihre Reputation ab, ihr guter Ruf.“
KI als Risiko erstmals prominent vertreten
Das Thema Künstliche Intelligenz wird erstmals von 26 Prozent der Unternehmen explizit als eigenständiges Risiko in ihren Geschäftsberichten geführt. Während CEOs in den Vorworten vor allem die Chancen hervorheben, zeigt sich in den Risikoberichten eine zunehmend differenzierte Auseinandersetzung. Die Bandbreite der kommunizierten KI-Risiken ist dabei groß: operative Risiken durch fehlerhafte oder ausfallende KI-Systeme, rechtliche Unsicherheit durch ungeklärte Regulierung, Reputationsrisiken durch KI-produzierte Fehlinformationen oder Deepfakes sowie Abhängigkeiten von KI-Systemen und fehlende KI-Fachkräfte.
KI ist damit kein Einzelrisiko, sondern ein Querschnittsthema, das mehrere bestehende Risiko-Kategorien tangiert und erweitert. Im Branchenvergleich zeigt sich: KI als Geschäftsrisiko wird bislang vor allem von IT und finanznahen Branchen (Software, IT-Service und Internet: 64 Prozent Finanzen: 57 Prozent) genannt.
Dazu sagt Prof. Dr. Frank Brettschneider: „KI verändert viele Lebensbereiche. Und das in rasanter Geschwindigkeit. Auch Unternehmen sind davon betroffen. Ein Viertel der Unternehmen nennt KI explizit als Unternehmensrisiko; das betrifft (noch) vor allem IT- und finanznahe Branchen. Stakeholder werden erwarten, dass Unternehmen über ihren Umgang mit diesen Risiken kommunizieren und deutlich machen, wie sie KI auch als Chance nutzen wollen. Die CEOs sehen das in ihren Vorworten bereits als Aufgabe.“
Klimawandel verzeichnet den stärksten Rückgang im Jahresvergleich
2026 nennen 56 Prozent der Unternehmen Klimawandel als Risiko, gegenüber 75 Prozent im Vorjahr. In den CEO-Vorworten ist das Thema nahezu verschwunden: Nur noch zwei Prozent der CEOs erwähnen Klimawandel als Risiko.
Nachdem der Wert zwischen 2023 und 2025 kontinuierlich gestiegen war, korreliert der Rückgang mit dem nachlassenden politischen Druck. Die CEO-Kommunikation folgt dabei am deutlichsten der politischen Salienz. Damit treten langfristige Klima- und Nachhaltigkeitsrisiken in der aktuellen Wahrnehmung hinter unmittelbar drängende geopolitische, wirtschaftliche und regulatorische Themen zurück.
CEOs kommunizieren selektiv: Großteil der Risiken aus Risikoberichten bleibt unerwähnt
Während die Risikoberichte ein breites Spektrum an Risiken abdecken, zeigen CEO-Vorworte ein deutlich selektiveres Bild. Im Durchschnitt nennen CEOs nur 1,4 von 12 analysierten Risiko-Kategorien. 32 Prozent der CEOs erwähnen kein einziges Risiko in ihrem Vorwort.
Geopolitische Entwicklungen sind mit 54 Prozent das mit Abstand meistgenannte Risiko in CEO-Vorworten; ein deutlicher Anstieg gegenüber 37 Prozent im Vorjahr. Operative und technisch geprägte Risiken bleiben dagegen deutlich unterrepräsentiert: Cyber-Vorfälle werden nur von vier Prozent der CEOs erwähnt gegenüber 96 Prozent in den Risikoberichten. Recht und Compliance, obwohl in den Risikoberichten von 93 Prozent der Unternehmen genannt, spielt in den Vorworten mit zwei Prozent praktisch keine Rolle.
„Ein Vorwort, das die Risikosensibilität des eigenen Geschäftsberichts ignoriert, erzeugt eine Glaubwürdigkeitslücke, die genau das Vertrauen untergräbt, das CEOs mit ihren Vorworten eigentlich aufbauen wollen. Dabei kommen Stakeholder mit Unsicherheit besser zurecht, wenn sie klar benannt wird. CEOs, die das beherzigen, kommunizieren nicht schwächer, sondern glaubwürdiger“, sagt Johannes Fischer.
Weitere Informationen
> Studie „Risiko-Monitor 2026“
> Studie „Risiko-Monitor 2025“
> Studie „Risiko-Monitor 2023“
Kontakt für Medien:
Prof. Dr. Frank Brettschneider, Universität Hohenheim, Institut für Kommunikationswissenschaft
+49 (0)711 459 24030, frank.brettschneider@uni-hohenheim.de
Johannes Fischer, Geschäftsführender Gesellschafter Crunchtime Communications,
+49 (0)711 20909779, jf@crunchtime-communications.com

