Nachhaltige Energie- und Rohstoffversorgung:
Agrarministerin lobt Forschung zu drängenden Zukunftsfragen [18.08.26]
Ministerin Marion Gentges besucht auf ihrer Sommertour den Unteren Lindenhof, Teil der Versuchsstation Agrarwissenschaften der Universität Hohenheim
Landwirtschaft, die nicht nur Lebensmittel produziert, sondern zugleich zur resilienten Energieversorgung beiträgt und fossile Rohstoffe ersetzt – auch mit diesen Fragen beschäftigt sich die Universität Hohenheim an ihrem Versuchsstationsstandort Unterer Lindenhof in Eningen. Auf ihrer Sommertour informierte sich die baden-württembergische Ministerin für Ländlichen Raum, Landwirtschaft und Heimat, Marion Gentges, am Dienstag, 18. August 2026, über aktuelle Forschungsarbeiten. Auf dem Programm standen das Bioraffinerie-Technikum sowie die Forschungsbiogasanlage mit Biomethan-Forschungsplattform – ein Ausschnitt des Agri-Food-Health-Ansatzes der Universität. Es ist der erste Besuch von Marion Gentges an der Universität Hohenheim seit ihrem Amtsantritt im Mai 2026. Er knüpft an eine lange, erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Ministerium an.
„Die Forschungsbiogasanlage auf dem Unteren Lindenhof ist ein herausragendes Beispiel dafür, wie Wissenschaft und Praxis erfolgreich zusammenarbeiten können, um die Zukunft der Bioenergie und biobasierten Chemie zu gestalten. Das Bioraffinerie-Technikum der Universität Hohenheim ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer nachhaltigen und umweltfreundlichen Nutzung von Biomasse. Sie ist auf modulare Verfahrensintegration und die Prinzipien der Grünen Chemie ausgerichtet, um saubere und umweltfreundliche Technologien zu nutzen. Durch die Integration mit Biogasanlagen können Synergien zur Steigerung der Energieeffizienz und zum Austausch von Prozessströmen entstehen“, sagte die Ministerin für Ländlichen Raum, Landwirtschaft und Heimat Marion Gentges MdL, anlässlich ihres Besuchs auf dem Unteren Lindenhof in Eningen (Landkreis Reutlingen).
An dem Morgen ging es für die Ministerin vom Bioraffinerie-Technikum weiter mit dem Biomethan-Traktor zur Biogasanlage und zur Biomethan-Forschungsplattform: Dieses Besuchs-Programm stand ganz im Zeichen der Kreislaufwirtschaft. Gefüttert mit Biomasse aus der Landwirtschaft liefert die Biogasanlage Wärme und Strom für den Standort Lindenhöfe, die Bioraffinerie Ausgangsstoffe etwa für biogene Kunststoffe. Die nährstoffreiche Lösung, die in der Bioraffinerie als Reststoff anfällt, wird zukünftig ebenfalls in die Biogasanlage eingespeist. Aus deren Gärprodukten werden mit neuartigen Verfahren die Nährstoffe extrahiert und in hochwertige, biogene Düngemittel überführt. Damit schließt sich der Kreislauf.
„Diese Bausteine, die wir an der Universität Hohenheim erforschen, können künftig immer mehr fossile Rohstoffe, Werkstoffe und Energieträger ersetzen“, hält PD Dr. Andreas Lemmer fest, Leiter der Landesanstalt für Agrartechnik und Bioenergie. „Hier sehen wir noch viel Potenzial – von Kleinstanlagen zur Güllevergärung bis zur Stabilisierung der Stromnetze mit lastflexiblen Großanlagen.“ Neue Forschungsprojekte untersuchen die dezentrale Wasserstoffbereitstellung aus Biogas bei gleichzeitigem CO2-Entzug aus der Atmosphäre.
Regenerativ erzeugtes Bio-CNG – komprimiertes Biomethan – kann als Bus- und LKW-Treibstoff genutzt werden. Es weist, bei einer entsprechenden Herstellung, die beste CO2-Bilanz aller derzeit verfügbaren erneuerbaren Antriebssysteme auf. „Und es eignet sich natürlich auch für landwirtschaftliche Maschinen, wie man an unserem Biomethan-Traktor sieht.“
Agri-Food-Health: Ernährungssysteme ganzheitlich gedacht
„Eine nachhaltige Landwirtschaft muss mehr leisten, als nur einzelne Produktionsschritte zu optimieren. Wir müssen die Systeme als Ganzes betrachten. Genau dafür bietet die Universität Hohenheim mit ihrer einzigartigen Infrastruktur wie an der Versuchsstation Agrarwissenschaften ein hervorragendes Forschungsumfeld“, sagte Dr. Katrin Scheffer, Kanzlerin der Universität.
Die Forschung am Unteren Lindenhof füge sich nahtlos in das gesamte Forschungsprofil der Universität Hohenheim ein. Im Agri-Food-Health Hub, der sich vor einigen Monaten gebildet hat, bündeln mehr als 100 Hohenheimer Fachgebiete aus Agrar-, Natur-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften ihre Expertise. „Ziel ist es, nachhaltige Agri-Food-Health-Systeme zu gestalten – und damit Ernährungssysteme insgesamt resilienter und zukunftsfähiger zu machen“, so die Kanzlerin.
Die Weiterentwicklung der Biogasnutzung auf dem Unteren Lindenhof sei ein besonders anschauliches Beispiel für diesen integrierten Systemansatz, erklärte Prof. Dr. Alexander Schaum, Professor für Prozessanalytik und Prorektor für Digitalisierung. „Biogas wird nicht als isolierte Energiequelle verstanden, sondern als Teil eines vernetzten Systems aus Pflanzenproduktion, Tierhaltung, Bioraffinerie und moderner energetischer Nutzung der Ressourcen.“
„Die Landwirtschaft der Zukunft verknüpft die verschiedenen Komponenten zu einem zusammenhängenden Wertschöpfungssystem“, fuhr er fort. „So entstehen Integrationsschleifen, in denen Reststoffe zu Ressourcen werden und das Gesamtsystem hinsichtlich Ressourceneffizienz und Resilienz optimiert werden kann.“
Hohenheim initiiert „99 Projekte für eine postfossile Zukunft“
Wie vielfältig Forschung für eine postfossile Zukunft sein kann, zeigt auch eine gemeinsame Initiative der neun Landesuniversitäten Baden-Württembergs: Im Juli 2026 präsentierten sie auf Initiative der Universität Hohenheim 99 Forschungsprojekte, die Wege aus der Abhängigkeit von Erdöl und Erdgas aufzeigen. Die Projekte reichen von neuen Formen der Energieerzeugung und -speicherung bis zum Ersatz fossiler Rohstoffe und zur Steigerung der Energieeffizienz in Landwirtschaft und Industrie. Die am Unteren Lindenhof vorgestellten Forschungsarbeiten sind ein Beispiel dafür, wie solche Lösungen ineinandergreifen können.
HINTERGRUND: Versuchsstation Agrarwissenschaften – Lindenhöfe
Die Versuchsstation Agrarwissenschaften der Universität Hohenheim ist ein großes Reallabor für praxisnahe Agrarforschung. Auf rund 773 Hektar an drei Standorten können Forschende neue Verfahren unter realen landwirtschaftlichen Bedingungen entwickeln und erproben.
Die Lindenhöfe – gelegen am Fuß und auf der Schwäbischen Alb – sind einer dieser Standorte. Hier forscht die Universität Hohenheim unter anderem zu Pflanzenbau, Nutztieren, landwirtschaftlichen Produktionssystemen und on-Farm Bioraffinerien. Zugleich ist die Versuchsstation Agrarwissenschaften ein wichtiger Ort für die Ausbildung künftiger Fachkräfte und den Wissenstransfer in die Praxis.
HINTERGRUND: Agri-Food-Health Hub
Der Agri-Food-Health Hub der Universität Hohenheim ist eine fakultätsübergreifende Initiative, die von über 100 Hohenheimer Fachgebieten aus den Bereichen Agrar-, Natur-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften getragen wird. Ziel des Hubs ist die Gestaltung nachhaltiger Agri-Food-Health-Systeme. Der Begriff „Health“ steht dabei für einen Ansatz, der weit über die individuelle menschliche Gesundheit hinausgeht. Vielmehr steht er für die Gesundung des gesamten Ernährungssystems – vom Boden bis zur Gesellschaft. Auf dieser Basis trägt der Agri-Food-Health Hub dazu bei, planetare Grenzen zu respektieren, die Resilienz globaler Ernährungssysteme zu stärken und nachhaltige Transformationspfade evidenzbasiert zu gestalten. Agri-Food-Health Hub: https://foodsystemsresearch-hub.uni-hohenheim.de
Text: Elsner









