„Wenn Bauern- und Wissenschaftsdenken zusammenkommen…“ [15.02.26]

Onno Poppinga. (Foto: privat)
In den 1960er-Jahren war Hohenheim für Prof. Dr. Onno-Hans Poppinga mehr als ein Campus: ein Schloss als Bühne, prägende Professoren als Charakterköpfe – und eine Zeit, in der politische Debatten und akademischer Alltag sich gegenseitig aufgeladen haben. Im Gespräch blickt Poppinga zurück auf Studium und Umbrüche, erzählt eine herrlich subversive Anekdote aus der Jubiläumsfeier 1968 – und wird am Ende sehr gegenwärtig: Warum werden agrarpolitische Erkenntnisse seit Jahrzehnten kaum konsequent umgesetzt?
Ein Gedanke zieht sich dabei wie ein roter Faden durch seine Erinnerungen: Wenn wissenschaftliches Denken und Praxiswissen wirklich zusammenkommen, entsteht Relevanz. Nicht als PR-Übung, sondern als ernst gemeinter Austausch, der Vertrauen schafft – und im besten Fall bessere Entscheidungen. (Interview von Wolfgang Kuhnle)
Wenn Sie Ihre Hohenheimer Zeit der 60er/70er Jahre in drei Bildern beschreiben müssten – welche wären das?
Poppinga: Das erste Bild ist ganz klar das alte Gebäude, das Schloss. Das war das Erste, was ich damals wahrgenommen habe – Hohenheim hieß für mich: das Schloss. Da waren auch die ersten Lehrveranstaltungen, später hat sich das dann ausdifferenziert. Aber als Bild war das immer vordringlich.
Das zweite Bild sind markante Professoren – Autokraten, muss man sagen. Professoren wie Walter, Pflugfelder oder Schlichting: extrem pingelig, auch gegenüber ihren Mitarbeitenden – aber mit sehr hoher Qualität. Sie waren fordernd, konnten aber wirklich etwas vermitteln.
Und das dritte Bild ist für mich eine Person: Professor Theodor Bergmann. Bei ihm habe ich viele Jahre gearbeitet. Der einzige Marxist an einer westdeutschen Agrarhochschule – und er hat das keineswegs versteckt. Für mich und viele Studierende war er eine wichtige Persönlichkeit.
Was hat Sie als Student mehr geprägt – die Vorlesungen oder die Debatten außerhalb?
Poppinga: Erst natürlich die Vorlesungen – man wollte ja durch die Prüfungen kommen. Aber sobald es in den Bereich Sozialwissenschaften ging, mischte sich das stark mit dem, was außerhalb passierte: Kontakte zur Landjugend, zum sozialistischen Zentrum – das verwog sich. Beides war wichtig. Und die Debatten draußen haben auch den Sinn bestimmter Lehrinhalte verändert.
Sie sagen, Stuttgart sei damals ein besonderes „Cluster“ gewesen. Was meinen Sie damit?
Poppinga: Stuttgart war einzigartig tolerant. Der Umgang miteinander war anders als anderswo. Bei Demonstrationen – etwa zu den neuen Hochschulgesetzen – gab es in anderen Städten oft heftige Auseinandersetzungen mit der Polizei. In Stuttgart nicht. Man kannte sich, hielt Grenzen ein, die Polizei war freundlich und friedlich. Während anderswo Leute verdroschen wurden, war das in Stuttgart ein wirklich gutes Miteinander.
In Ihrem Buch findet sich der Satz: „Wenn Bauerndenken und Wissenschaftlerdenken aufeinandertreffen, wird Neuland sichtbar.“ Was steckt dahinter?
Poppinga: Das war damals noch stärker prägend – auch für die Uni. Den Professoren war es ein Anliegen zu sehen: Was bewirkt sich in der praktischen Landwirtschaft? Deshalb wurde nach Forschungsarbeiten nicht nur in Fachjournalen publiziert, sondern auch in landwirtschaftlichen Wochenblättern, sodass Bauern die Ergebnisse lesen konnten. Die Bauern wussten, was die Professoren machen – und kannten sie. Durch diese enge Rückkopplung entstanden wichtige Dinge.
Wenn Sie auf die 60er/70er Jahre zurückblicken – welche Debatten von damals erkennen Sie heute wieder?
Poppinga: Es war die Zeit des anhaltenden Wirtschaftswachstums, die Krisen kamen erst später, etwa 1973. Wichtig war aber auch: Es lief nicht nur für Unternehmen gut, sondern auch für Arbeiter und Angestellte. Dazu gehörte eine Bildungslandschaft im Ausbau. Es gab damals eine üppige Förderung für Studierende – abhängig vom Einkommen der Eltern – das führte zu einer Verbreiterung des Bildungsaufstiegs, auch außerhalb des klassischen Bildungsbürgertums.
Heute mache ich mir Sorgen: Es wird abgebaut statt ausgebaut. In Hessen werden Hochschulmittel gekürzt, Professuren können nicht wiederbesetzt werden, und selbst Schulformen, die Bildungsaufstieg ermöglichen, geraten unter Druck. Damals wurden neue Hochschulen gegründet – Konstanz, Regensburg, Bremen, Kassel, im Ruhrgebiet. Es war Aufbruch. Heute sehe ich eher einen Stopp – und das ist bedauerlich, gerade wenn man vom Wirtschaftsstandort Deutschland spricht. Wissenschaft muss man fördern, nicht abbauen.
Gibt es eine Erinnerung, bei der Sie heute noch schmunzeln müssen?
Poppinga: 1968 gab es die 150-Jahr-Feier (Hohenheim wurde 1818 gegründet, Anm. d. Redaktion). Da kamen Rektoren und Präsidenten aus ganz Europa – alle in Talaren, mit Hermelinmänteln, ein großer Umzug im Innenhof vor dem Schloss.
Wir fanden dieses Getue albern. Ein Kollege ließ sich oben im Schloss einschließen – und als der Umzug losgehen sollte, hing er eine rote Fahne über Hohenheim. Die hing auch ziemlich lange, weil die Tür zu war und der Hausmeister erst mal hochmusste. Das hatte weniger mit politischer Ausrichtung zu tun – es war eher ein Protest gegen die lächerliche Inszenierung.
Wenn Sie der heutigen Agrarpolitik eine Frage stellen dürften – welche wäre das?
Poppinga: Warum werden wesentliche Erkenntnisse, die seit Jahrzehnten bekannt sind, nicht endlich umgesetzt? Ein konkretes Beispiel: Seit Anfang der 90er gibt es EU-Gesetze gegen Wasserverschmutzung. Trotzdem wird das Kernproblem nicht angegangen: die Identifizierung einzelner Betriebe, die zu viel düngen – diese „Wachstumsbetriebe“ will die Politik, also tritt man ihnen nicht auf die Füße. Ergebnis: Noch immer nitratbelastetes Grundwasser und Stickstoffauswaschungen in Nord- und Ostsee.
Günter Weinschenk in Hohenheim hat damals sinngemäß gesagt: Wenn wir Überschüsse produzieren, die keiner will, und dafür Methoden nutzen, die Grundwasser belasten – warum stellen wir dann nicht um auf weniger Stickstoff, geringere Erträge, weniger Überschüsse, weniger Belastung? Warum machen wir das nicht einfach? Und es wird immer noch nicht gemacht.