Interview: "Unsere neue Nachhaltigkeitsstrategie"  [20.02.26]

5 Handlungsfelder, 23 übergeordnete Ziele, mehr als 200 aktuelle Beispielmaßnahmen: Nach gut einem Jahr intensiver Vorarbeit haben Senat und Rektorat eine umfassende Nachhaltigkeitsstrategie für die Uni Hohenheim beschlossen. Eingeflossen sind Impulse und Feedback von Uni-Mitgliedern aus allen Bereichen. Bei der Umsetzung ist nun die gesamte Universität gefragt. Die Prorektorin für Nachhaltigkeit und Digitale Transformation, Prof. Dr. Caroline Ruiner, und ihre Mitarbeiterin Hannah Seyfang berichten im Interview.


Jetzt reinschmökern: Nachhaltigkeitsstrategie der Uni Hohenheim (PDF)




Liebe Frau Ruiner, liebe Frau Seyfang, viele Uni-Angehörige würden vermutlich unterschreiben, dass Nachhaltigkeit schon heute zur „DNA“ der Uni Hohenheim gehört. Wozu braucht es eigentlich noch eine Nachhaltigkeitsstrategie?

Ruiner: Ja, gerade im vergangenen Jahr haben wir gesehen, wie vielen Menschen an der Uni Hohenheim Nachhaltigkeit ein echtes Herzensanliegen ist. Das beeindruckt mich immer wieder aufs Neue.

Tatsächlich lässt sich dieses Bestreben sogar bis zu den historischen Anfängen zurückverfolgen: Die Uni Hohenheim wurde 1818 als Reaktion auf das „Jahr ohne Sommer“ und die darauffolgenden Hungersnöte gegründet.

Seitdem suchen Forschende der Uni Hohenheim nach Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen – von nachhaltigen und resilienten Ernährungssystemen bis hin zu einer kreislauforientierten Bioökonomie.

Es stimmt also: Der „grüne Faden“ ist alles andere als neu. Die Nachhaltigkeitsstrategie hilft uns jedoch, ihn noch sichtbarer zu machen und unser Potenzial gezielt weiterzuentwickeln. Denn zur Wahrheit gehört auch: In vielen Bereichen gibt es durchaus noch Luft nach oben.

Wie kann das gelingen?

Seyfang: Die Nachhaltigkeitsstrategie gibt uns sowohl einen Überblick, was schon alles läuft als auch eine Orientierung, was noch laufen kann bzw. sollte. 

Sie zielt darauf ab, bestehende Initiativen zu stärken, besser zu vernetzen, weiterzuentwickeln und sinnvoll zu ergänzen – und zwar nicht nur in den Bereichen Forschung und Lehre. Auch der alltägliche Betrieb, unsere Strukturen und Prozesse, die Campus-Kultur sowie unsere Transferaktivitäten stehen im Fokus. 

Dabei geht es um Themen von Abfallreduzierung im Laborbetrieb bis zur Zusammenarbeit mit studentischen Gruppen, die sich für Nachhaltigkeit engagieren. Das Green Office versteht sich hier als zentrale Plattform, um Akteur:innen an der Uni zusammenzubringen. 

Ruiner: Wir sind überzeugt: Wenn wir nicht nur zu Nachhaltigkeit forschen, sondern uns gemeinsam, d.h. jede und jeder Einzelne, dafür einsetzen und unsere Fortschritte transparent machen, können wir die größtmögliche Wirkung erzielen.

Gleichzeitig stärkt das unsere Glaubwürdigkeit – in Politik und Gesellschaft, aber auch bei Studieninteressierten oder potenziellen neuen Forschenden und Beschäftigten, die sich ja häufig bewusst wegen des besonderen Nachhaltigkeitsprofils für die Uni Hohenheim entscheiden. 


In der öffentlichen Debatte stehen derzeit allerdings eher andere Krisen im Vordergrund: Kriege, wirtschaftliche Sorgen oder die Bedrohung der Demokratie. Können wir mit dem Thema Nachhaltigkeit überhaupt noch durchdringen?

Ruiner: Andere Krisen mögen zeitweise stärker im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen – ökologische Krisen wie der Klimawandel oder das massive Artensterben hören dadurch leider nicht auf zu existieren.

Gerade wenn es in der Gesellschaft leiser wird um Themen, die ebenso entscheidend für unsere Zukunft sind wie Frieden, Wohlstand oder demokratische Prozesse, ist es unsere Aufgabe als Universität, sie immer wieder ins Bewusstsein zu rufen. Wer, wenn nicht wir, kann auch in solchen Zeiten Impulse für die notwendige ökologische Transformation geben? 

Seyfang: Unsere Nachhaltigkeitsstrategie kann dabei ein wichtiger Kompass sein. Wenn wir das Thema Nachhaltigkeit konsequent in den Strukturen und Prozessen der Universität verankern, hilft uns das, „dranzubleiben“ – unabhängig von tagespolitischen Themen.

In der Nachhaltigkeitsstrategie haben wir uns übrigens auf ein breites Verständnis von nachhaltiger Entwicklung verständigt, das sowohl den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen als auch soziale Gerechtigkeit umfasst. Insofern verstehen wir beispielsweise auch ein Engagement für Frieden und besseren sozialen Zusammenhalt auf dem Campus als einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung.  


Wenn wir täglich immer nur von großen Krisen hören, kann das natürlich schnell auch zu Überforderung und Lähmung führen. Inwiefern hat Nachhaltigkeit auch ein „psychologischen“ Aspekt?


Seyfang: Diese lähmenden Gefühle kennen wahrscheinlich sehr viele – die psychologische Dimension ist definitiv nicht zu unterschätzen. Doch es gibt auch ein Gegenmittel: Wenn wir mit kleinen Schritten ins Handeln kommen und gemeinsam mit anderen etwas in die richtige Richtung bewegen, fühlt sich das gut und motivierend an.

Das gilt umso mehr, wenn man eine ganze Institution hinter sich weiß. Unsere Nachhaltigkeitsstrategie soll dazu beitragen, dass die Uni Hohenheim für möglichst viele Menschen ein solcher positiver, inspirierender und verbindender Ort ist. Das nennen wir „Kultur der Nachhaltigkeit“ – eine wirksame Medizin gegen Weltuntergangsstimmung.


Die Nachhaltigkeitsstrategie umfasst 53 Seiten. Es geht um ein gemeinsames Verständnis von Nachhaltigkeit, um Handlungsfelder, Ziele und den Weg dorthin. Doch Papier ist geduldig. Inwiefern führt die Strategie zu ganz konkreten Verbesserungen?

Ruiner: Die Nachhaltigkeitsstrategie ist im vergangenen Jahr in einem partizipativen Prozess entstanden. Ausgangspunkt waren dabei keine abstrakten Konzepte, sondern ganz konkrete Beispielmaßnahmen, die unsere „Green Teams“ – also die offenen Arbeitsgruppen im Green Office – für die verschiedenen Handlungsfelder entwickelt haben.

Diese reichten von Energiesparmaßnahmen und Biodiversitäts-Inseln über nachhaltige Beschaffungsrichtlinien sowie Impulse zur Reduzierung von Flugreisen bis hin zu neuen Onboarding-Maßnahmen. 

Auf dieser Basis haben wir im engen Austausch mit zahlreichen Akteur:innen der Universität 23 übergeordnete Ziele abgeleitet und Schritt für Schritt ausgearbeitet. Umgekehrt sind aus diesen Zielen wiederum neue Maßnahmen entstanden – beides ließ sich im Prozess kaum voneinander trennen. 


Wer war an der Ausarbeitung der Nachhaltigkeitsstrategie beteiligt?


Seyfang: Beteiligt waren unter anderem der Senat und das Rektorat, die Fakultäten, die Abteilungen der wissenschaftsunterstützenden Bereiche, die Verfasste Studierendenschaft, das Green Board als strategisches Gremium im Green Office sowie die Green Teams. Auch die Universitätsöffentlichkeit war eingeladen, sich über niedrigschwellige Formate einzubringen – etwa beim Dies academicus.

Zusätzlich haben wir die Ziele und Beispielmaßnahmen so weit wie möglich mit denjenigen Uni-Angehörigen abgestimmt, die am Ende des Tages in die Umsetzung einbezogen sind oder als Leitung die Verantwortung dafür tragen. Das sind schließlich meist auch diejenigen, die am besten wissen, wie man Maßnahmen erfolgreich anpackt.

Nach mehreren Feedbackschleifen und intensiven Diskussionen wurde die Nachhaltigkeitsstrategie schließlich im November 2025 vom Senat und Rektorat beschlossen.

Allein dieser breite und lebendige Austausch innerhalb der Universität stimmt uns optimistisch, dass die Nachhaltigkeitsstrategie kein „Papiertiger“ ist, sondern genau dort ansetzt, wo wir tatsächlich etwas verändern können und wollen. 

Denn eines ist klar: Weder das Rektorat noch das Green Office oder eine andere Uni-Einrichtung allein kann die Nachhaltigkeitsstrategie mit Leben füllen. Das gelingt nur gemeinsam – wenn alle Uni-Angehörigen an ihrer Stelle und entsprechend ihrer jeweiligen Handlungsspielräume mitwirken.


Wo erfahre ich, was sich konkret tut?


Ruiner: In der Nachhaltigkeitsstrategie stehen übergeordnete Ziele im Mittelpunkt, nicht einzelne Maßnahmen. Dennoch war es uns wichtig, sichtbar zu machen, wie viel bereits geschieht und an welchen Hebeln wir konkret ansetzen. Deshalb haben wir uns für ein universitätsinternes „lebendiges Dokument“ der einzelnen Maßnahmen in Form eines Anhangs entschieden, das unsere Ziele anhand von Beispielmaßnahmen illustriert. Der aktuelle Stand vom 18.11.2025 umfasst über 200 konkrete Punkte.

Seyfang: Ein ausführliches Update zu den Nachhaltigkeitsaktivitäten der Uni Hohenheim und zentralen Kennzahlen gibt es künftig voraussichtlich einmal jährlich. Im Jahr 2026 werden wir hierfür erstmals einen Nachhaltigkeitsbericht veröffentlichen, wie es inzwischen an vielen Universitäten üblich ist. Darüber hinaus möchten wir auch im Online-Kurier regelmäßig über aktuelle Nachhaltigkeitsthemen berichten.


Ganz direkt können sich Studierende und Beschäftigte natürlich auch hier im Green Office informieren, oder? 

Ganz genau. Dafür gibt es ab sofort sogar ein brandneues Format: unseren Green Lunch, den wir in Kooperation mit dem Arbeitskreis Nachhaltigkeit (AKN), der International Students Organisation Hohenheim (ISO) und dem BRICKS-Projekt organisieren.

Er findet immer am letzten Montag im Monat um 12 Uhr im Green Office statt und bietet Raum für lockeren Austausch. Alle, die sich für Nachhaltigkeitsthemen an der Uni interessieren, sind eingeladen, ihr Essen mit ins Green Office zu bringen und dort gemeinsam mit anderen ihre Mittagspause zu verbringen. Los geht es am 23. Februar.

Und alle, die sich regelmäßig für ein nachhaltige Uni engagieren möchten, laden wir außerdem ganz herzlich dazu ein, in unsere Green Teams hineinzuschnuppern. Weitere Infos gibt es auf der Homepage des Green Office. Wir freuen uns immer über neue Gesichter!


Zum Abschluss ein kurzer Ausblick: Woran arbeiten die Green Teams im Moment?


Ruiner: Das Team Forschung & Innovation hat einen Leitfaden für nachhaltige Labore entwickelt – inklusive Good-Practice-Beispielen. An diesem Thema werden wir weiter dranbleiben. 

Außerdem starten wir in diesem Jahr mit unserem SDG-Mapping: Mit dem Relaunch der Uni-Website wird es möglich sein, gezielt nach Hohenheimer Publikationen zu suchen und sich anzeigen zu lassen, zu welchen Nachhaltigkeitszielen (SDGs) der Vereinten Nationen sie beitragen.

Das Team Studium & Lehre hat im Oktober erstmals ein grünes Erstsemester-Event organisiert, das in diesem Jahr in die zweite Runde geht. Beim Tag der Lehre wurde zudem erstmals ein „Preis für Nachhaltigkeit in der Lehre“ vergeben. In den kommenden Monaten beschäftigt sich das Team schwerpunktmäßig mit nachhaltigen Lernorten im Freien.

Seyfang: Das Team Infrastruktur & Betrieb lotet derzeit Möglichkeiten aus, wie Hohenheim zu einem echten Fahrrad-Campus werden kann. Im Winter liegt der Schwerpunkt dann vor allem auf Energiesparmaßnahmen.

Das Team Kultur & Transfer hat eine aktuelle „Green Campus Map“ erstellt und arbeitet derzeit an Hohenheimer Nachhaltigkeitsrundgängen sowie an einem „Green Campus Festival“, das 2027 erstmals stattfinden soll.


Das klingt spannend. Wir werden berichten. Vielen Dank für das Gespräch.


Interview: Leonhardmair


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